Gaspésie und Québec

Endlich jammern
Québec ist ein Arschloch. Hätte ich, und Denise wahrscheinlich noch lauter, gestern geschrieben. Nicht, dass die Leute hier nicht flott wären, ganz im Gegenteil. Oder dass die Stadt nicht «neat» wäre. Noch mehr im Gegenteil. Aber irgendwie hat sich gestern der gute Murphy wieder mal von seiner übelsten Seite gezeigt: Zuallererst wollten wir nach prächtigsten Wettervorhersagen auf einen Berg rennen, der da nach dem Conquéreur Jaques Cartier benannt ist und seines Zeichens mit stolzen 1280 Metern als der Everest der Gaspésie zeichnet. Doch im hohen Gaspésiepark waren alle Campings ausgebucht. Und auf den Parkplätzen wird man dann von den Parkrangern verjagt. Also ausser Spesen nichts gewesen. Eigentlich müsste man tags darauf, wir übernachteten total romantisch auf dem Parkplatz vom Walmart, irgendwie Schadenfreude aufkommen lassen, hat es doch geschüttet wie (zumindest heuer) noch nie in Canada. Aber eben nicht. Wir haben uns dann einen Campingplatz in Lévis gekauft, das ist auf der anderen Aareseite von Québec. 15km vom Stadtzentrum weg. Der Platz kostet etwas mehr als das doppelte der bisherigen Campings, macht dies allerdings durch die Hälfte an Leistung und einen Viertel an Komfort problemlos wett. Die Duschminute kostet einen Vierteldollar, dafür darf man dann die Temperatur auch nicht manipulieren. Gottseidank brachten uns dann zwei Busse ins Zentrum, demselbigen graubärtigen Herrn seis dann gedankt, dass nie wieder zurück. Also hiess es «sur le pont de Québec, on y marche on y marche», eine nicht ganz geplante Nachtwanderung (angezogen). Und wir erinnern uns, die Sintflut war noch nicht vorbei. Nun, wenn also das alles der Pannen nicht genug wären, ist am nächsten morgen unsere Gasflasche explodiert und wir flogen in Teilen durch die Gegend… nein, nur ein Witz. Ein Unglück kam aber noch, und da begann es dann schon wieder witzig zu werden: Wir in einen Spunten, der da heisst «le cochon dingue», und haben ein Bier bestellt. Dann kamen zwei andere. Nach einem Schluck wurden dann diese Biere einfach wieder entfernt. Da staunste dann einen Bauklotz: Kommt die Servierdüse und nimmt dir dein Bier wieder weg!
Aber, ich tue denen von hier unrecht, denn die können ja nichts dafür, sind lieb und nett und hilfsbereit, verpassen wegen uns ihre Busse (dass die fuhren, hat nichts mit Ausländerhass zu tun, sondern ist Glücksache, hat mit dem Ufer, an welchem man geboren wurde zu tun, das nördliche hat gewonnen).

Also, die Oma, die uns ihren Campingplatz angedreht hat, ist total niedlich, hat uns in einen Park zum Pique -nique mit Augenzwinkern geschickt, uns tausend gute Ratschläge gegeben, die wir natürlich nicht verstanden, unser Auto gelobt, in hohen Tönen, deren Inhalt uns selbstverständlich auch unerschlossen blieb. Denn: Der Dialekt der Québequois ist so etwas wie eine Ente, die versucht zu Miauen, eine Art Walfisch mit Sprachfehler im Giraffischunterricht. Sie haben da so eine Art wie die Haslitaler («mösch d schö göt zö tö»), aber auf welsch, und ein «è» ist hier ein a-é-in. Für die Schulfranztraumatisierten natürlich ein Paradies, denn Grammatik gibt es keine. Schreiben ist wie Berndeutsch, ein jeder nach seinem Gusto. Und im Vocabulaire (die findigen haben jetzt schon das Gelernte angewandt und [vokabölàé!3ῃꭕ] gelesen) tauchen dann Anglizismen auf, die schwer zu erkennen sind, in all dem Gegurgel.
Und natürlich ist auch hier, wie zuhause, in jedem Kanton alles anders. Also Provinz. In Québec, die Franzosen waren katholisch, das merkt man, gibt es im Supermarkt auch Alkohol. Und jede Menge wunderschönes Bier. Hat man Freude. Dann erfährt man: Trinken in der Öffentlichkeit ist verboten. Oder das mit dem Scheissen: Am ersten Morgen in dieser Provinz war noch keiner auf dem Topf. Ich also hurra, wieder Friede auf em Örtle… Dann, am anderen Morgen, ich musste zwar grad nicht, aber die Realität holte mich dennoch ein: Während ich nichts ahnend Zähne putze, kommen urplötzlich von allen Töpfen her so Qäbacois und machen Witze (denke ich). Die machen nämlich alle fast zuhause Ferien (Denise klagt gerade auch etwas: Haarewaschen ist hier zwar sowieso nichts wegen der Münzdusche, also wegen des Duschpreises, aber sie meint, würde sie um die Abenddämmerung genanntes Zeremoniell durchführen, so würde sie von den Mücken derart in den Nacken gestochen, dass spätestens um Mitternacht kleine Spinnen schlüpfen würden…). Zurück zu den Qäbäcois in den Ferien: Die scheissen nämlich dermassen viel, dass es auf den Wanderwegen alle 20 Minuten eine vollausgestattete Toilette hat.
Und noch eine Ergänzung zur Grösse: Nein, ich habe die Erzeugnisse kanadischer Hauptbeschäftigung nicht gemessen. Aber heute war der Kaffeelöffel vom Format eines Schweizersuppenlöffels. Ehrenwort.
Und weil es sich für postmoderne halbgebildete Europäer auf Reisen so gehört, haben wir uns gedacht, wir tauchen auch in Kultur ein. Also sind wir mal 324km ohne zu zögern geradeaus durch den Wald gefahren. Dann haben wir uns «Firewood» gekauft und ein «Campfire» gemacht. Gekackt. Ein Bud Light getrunken. (Haben wir nicht, der Anpassung sind Grenzen gesetzt. Aber auch hier gibt es welche, die Bud-Trinker ächten, ein Bartender hatte ein Schild am Eingang: «Budlight is to beer what Justin Bieber is to music». Ein wahres Wort.) Poutine gegessen. Und dann der Gestus Kanadas: Haben wir eine Leiter auf unser Dach gebunden – wobei wir uns nicht ganz entscheiden konnten ob wir uns auch den Qäbäcois anpassen wollten. Denn jene fahren nicht die ganze Zeit mit Leitern auf dem Dach herum, sondern klettern auch drauf und basteln an den Dächern ihrer Häuser, die sie sich vom Camion nachhause liefern lassen. Also, strico sensu, nicht «nachhause», weil dieses ja quasi dahin geliefert wird, also sozusagen nach-nachLieferung-hause liefern lassen. Wir haben uns natürlich kein Haus bestellt. Der Integration sind Grenzen gegeben. Um diesen Eintauchprozess zu vervollkommnen hätten wir noch Eishockey am TV anschauen müssen, zwei Fahnen (Provinz und Canada) vor den Wagen hängen, eine Tour im Kanu machen, und, auch ganz wichtig, in jedem Moment einen Papbecher in der Hand halten. Ihr seht es: Wir sind beim Eintauchen gescheitert. Und das schon in Canada! Wie geht uns das dann in exotischeren Nationalstaaten, so wie den USA? Time will vielleicht tell.

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