Die Wüste lebt!

Wahrscheinlich. Noch bis gestern war uns völlig klar, wie das ist, mit Wüsten. Schliesslich hatten wir den George, einen weisen, alten Wüstenpfadfinderlehrer kennengelernt. Und so war für uns so einiges klar, wie, wenn es Bäume hat, so richtig viel Bäume, dann bist du sicher nicht im Wald, sondern in einer Hochgebirgswüste (High Mountain Desert). Logisch. Und Klarheiten dieser Art gab es jede Menge. So lernten wir durch Erfahrung, dass man seinen allmählichen Eintritt in eine Wüste daran erkennt, dass die Anzahl Boote, die von Fahrzeugen durch die Gegend gezogen werden, exponentiell zunimmt. Oder eben, dass das Wetter schlechter wird. Denn, hier hilft uns gottlob die Etymologie, jene Klimazone, der wir «Wüste» sagen, heisst so, weil da das Wetter eben «wüst» ist. Dies erklärt zumindest, dass da diese unerwarteten Bäume wachsen. Und dann, wenn wir mit Fantasie dran gehen, können wir uns auch vorstellen, dass, wenn das Wetter dann lange genug so richtig «wüst» ist, auch die Boote etwas bringen.

Soweit, so gut. Ich fasse zusammen: In der Wüste findet Regen statt, und die Menschen nehmen eigentlich immer, wenn sie das traute Heim verlassen, ein Boot mit. Das, also das Boot, scheint ein bisschen das Parallelum zum Towel im Hitchhiker’s Guide zu sein. Und in der Wüste sind die Bäume. Schön und gut. Aber dann kreuzten wir die Grenze von Utah nach Arizona und gleich darauf nach Nevada, und alles wurde grotesk anders. «Nevada», aber von Schnee keine Spur, wo es doch heisst, hier sei auch Wüste, da könnte das wüste Wetter ja Schnee bringen. Aber nein. Hier, heiss, trocken, schön. Saugut. Wir hängen jetzt so an einem künstlichen See, der von einer Staumauer (wie alle solchen Seen, ööh) erzeugt wird. Die Staumauer heisst Hoover Dam. Und daneben hat es eine Hoover Dam Lodge. Und da ist wichtig, wie die hier komisch reden. «Lodge» heisst hier [l’a::tꚂ]. Als unser Touristenbusdriver die ganze Zeit erzählte, wir müssten noch an der [l’a::tꚂ] vorbei, also, das war im Bryce Canyon, aber nicht mit Details übertreiben, da fehlte mir immer irgendwie Information, denn [l’a::tꚂ] heisst eigentlich einfach «gross». So war unser einer dann sehr verwirrt. Aber, auf der anderen Seite ist es eben unendlich witzig, dass wir immer wieder solche [l’a::tꚂ]es sehen. Aber, wahrscheinlich wirkt das beim Lesen trotz phonetisch nie so spassig wie beim Hören.

Las Vegas. Wir kamen hier her, weil: Wir, um unser Auto wieder aus den USA zu kriegen, zuerst ein Formular gestempelt haben müssen, das beweist, dass dieses Auto in den USA ist. Denn ohne diesen Stempel fahren wir gewissermassen mit einem Auto umher, das sich juristisch in Canada befindet. Aber das wissen die Zöllner nicht, denen ist das auch egal, aber die Exportspediteure sehen das anders. Und wegen schlechtem Internet wissen wir noch nicht, ob mit dem Stempel, den wir jetzt haben, wir auch unser Auto wirklich in den USA haben. Bürokratie! Das Gute an der ganzen Geschichte ist, dass das alles die Behörden nicht so interessiert. Die sind easy.

Aber zurück. Las Vegas. Las Vegas ist ein Witz. Da hat es diesen Strip, daneben den Flughafen. Und Ende Gelände. Sagenhaft. Alle Gebäude, die mehr als einen Stock haben, sind diese Hotels, die immer in den Danny Ocean Filmen ausgeraubt werden. Und das goldene Trump Haus. Dann hat es viel Autobahn, und noch so Bungalows. Und das war’s. Echt. Enttäuschend. Da ist Boulder witziger. Hier hat es immerhin Boote. Auch wichtig, schliesslich ist hier auch die Wüste. Und die relaxten Bettler haben sich auch hierher zurückgezogen. Und dann ist hier dieser surreale Stausee. Eine blaue Ebene irgendwie in die rotbraunen Kiesel gehabeggert. Grotesk.

Dann haben wir wieder mal etwas aus der Rubrik «total seriöse ethnographische Überlegungen». Die öffentlichen Campingplätze funktionieren nach zwei Prinzipien: Erstens, simpel, first come, first served. Wer zuletzt kommt, den beissen die Hunde. Das versteht man. Dann gibt es noch die mit Reservieren. Da muss man so zwei bis drei Jahre vorher. Mir ist, als hätte ich davon schon mal fabuliert. Item. Im grossen Canyon hätte man müssen, in Moab auch. Und jetzt waren wir in Zion und da haben wir gesehen, wie das seine Spuren in der allgemeinen Camperkultur hinterlassen hat: Zuerst dachte ich, das muss hier Kanadier haben wie Portugiesen in Interlaken, weil, als ich so um drei Uhr nachts zur Toilette musste, war da Hochbetrieb. Und wir erinnern uns, Kanadier haben Sitzungen wie Sozialarbeiter. Dieser Betrieb erklärt sich aber anders: Als wir dann aufstanden, um zu frühstücken, standen da schon ein halbes Dutzend Riesencampermobile Schlange am Platzeingang. Es war knapp acht. Die stehen tatsächlich um drei auf, um um sieben Uhr anzustehen, auf dem nächsten Campingplatz! Damit, wenn der dann um acht aufgeht, es einen Platz gibt, weil das mit dem Reservieren nur die Reisebüros für die Europäischen Pauschalsupercampertouristen übernommen haben. Wir passen uns natürlich nicht an. Denn: So sind die Strassen fast leer, die meisten kommen an, wenn wir abfahren. Manchmal sind dann die Plätze voll. Aber jetzt, wo wir in der Wüste sind, und das Wetter entsprechend, also wüst, sagen manchmal die Reservierer ab und wir erben.

Neben der Enttäuschung, die die Plastikstadt Las Vegas darstellt, gibt es noch eine andere. Sie heisst Wisent, oder, wie der hier heisst, Bison. Oder besser noch «mighty mighty Buffalo». Da heisst es, ohne Kohl, die hätten im Kaibab Nationalwald zu viele davon, so dass sie sie anderswo ansiedeln täten. Und wir? Wir verbringen Stunden zu Fuss, im Wagen, auf und neben Strassen, dort wo es heisst, «Obacht, Bison auf der Strasse» und suchen und suchen und suchen. Und nichts. Von wegen zu viele! Nicht einen hatten sie. Dafür überraschenderweise Taranteln. Und jetzt wird es geographisch für zwei Dinge langsam etwas schwierig, den Bison und das Rodeo. Weil, das Touristenrodeo neben dem Bryce Canyon wollten wir uns dann doch nicht antun.

Vielleicht noch eine letzte kleine Anekdote zur Wüste. Die ist gefährlich. Weil: Flashfloods can kill! Wir waren da auf einer Wanderung, die geht durch eine Schlucht, und in dieser Schlucht hat es einen Bach, und weil es in der Wüste eben hin und wieder gewittert, kann das da schon mal ne Welle geben. Sie hat uns dann nicht erwischt, aber wir mussten zur Barfusswandermethode greifen. Andere leihen sich im lokalen Outfitter dann die «Amphibiensuperwanderleichtbadelatschenmiteingebautenwasserfestenwarmensockenzumimbachherumwandernschuhe» aus. Aber wenn man versucht, barfuss und ohne die Hose nass zu machen durch diesen Bach bergauf zu latschen, dann ist das erstens lustig, und man kann sich dann über die astronautisch ausgerüsteten Profiabenteurer mokieren.

Und noch einen letzten zur Wüste. All jene, die nicht mit dem Boot in ihr unterwegs sind, die fahren da mit so spassigen off-road (highway-non-legal) Fahrzeugen herum. Die sehen so aus wie die Gokarts, die die anderen Kinder früher hatten, so mit Pedalen und Sitz und so, ihr wisst welche, so mit Lenkrad und vier Rädern? einfach etwas grösser, höher und mit Kühlbox. Und dann haben die extra eine Strecke für mit diesen Mobilen im Nationalpark. Und auch sonst in der Wüste, aber da kommen sie dann auch mit gewöhnlichen Jeeps. Und seriösen SUVs, nicht so Hobbyviermalvier wie Europäer draufstehen, um in der Stadt eventuell schadenfrei an einem Senkloch vorbei zu kommen, nein so im Stil «selbst der vermaledeite Bison hat im Fall unter meinen Finken Platz» (so er dann irgendwann mal wirklich kommt).

Advertisements

1 Kommentar

  1. Hey Denise und Ralphi – wunderbar von euren Eindrücken und Erlebnissen zu lesen, vielen Dank dafür. Waren zwar auch grad mit dem T3er unterwegs aber halt nur bis zu den Katalanen und nur 2 Wochen. Schön war’s. Eure Erzählungen regen zum Träumen an und wir hoffen dann bald mal für längere Zeit rumzutuckern. Gönnt euch ein Microbrew auf meine Kosten, wird dann in Form eines Müntschis oder Homebrews erstattet sobald ihr wieder im Lande seid. Lasst euch aber Zeit für Letzteres.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s